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Montag, 14. Juli 2014

Wer springt noch über diese Mauer?

"Auch die früher legendäre NZZ-Auslandberichterstattung ist nicht mehr, was sie mal war", sagte mein alter Freund Eugen Sorg kürzlich im Gespräch mit Ronnie Grob für medienwoche.ch. Daran musste ich wieder denken, als ich die Neue Zürcher Zeitung las. Man könnte sich fragen, warum Sascha Zastiral aus Bangkok über Afghanistan berichtet, Paul Flückiger aus Danzig heftige Kämpfe in der Ukraine meldet oder Peter Winkler in Washington wie gewohnt nur Agentur- und Zeitungsmeldungen aus den USA zusammenfasst. Auf Seite 7 lachte mich dann aber ein Hintergrundbericht von Marie-Astrid Langer an. Thema: Netzneutralität. Man könnte sich schon am sprachlich schiefen Lead stören - oder daran, dass es offenbar in den USA einen Provider namens Cablecom gibt, aus dem dann später doch noch Comcast wird. Was mich aber am meisten an diesem Artikel stört, ist die fehlende Eigenleistung. Da wird dann in die Trickkiste gegriffen. Beispielsweise "warnen" 150 Technologiefirmen in einem offenen Brief vor einer Zweiklassengesellschaft im Netz. Klar, das wirkt aktuell. Dabei stammt der Brief von Anfang Mai. Alles im Text hat man bereits vor ein paar Wochen gelesen - beispielsweise wo die Netzneutralität gesetzlich verankert wurde und wie es in der Schweiz aussieht. Und etwas Wichtiges hat die Autorin nicht verstanden: Die Netzneutralität wird im Mobilfunk längst ausgehöhlt, indem beispielsweise Streaming-Dienste nicht auf den Traffic angerechnet werden. Noch viel wichtiger: Anbieter wie Netflix haben eigene Anbindungen ans Datennetz der Provider. Die NZZ hat kürzlich ihre Paywall erhöht. Nur noch fünf Artikel erhält man pro Monat gratis. Da müsste man schon mit Qualität punkten, um neue Abonnenten zu gewinnen. Schliesslich verliert man , wie mir hinausgeworfener Kader unlängst erzählte, einige Hundert Abonnenten im Monat netto. Mich wird man nicht zurückgewinnen, wenn man Abo in einigen Wochen ausläuft. Warum? Ganz einfach. Offenbar ist man an der Falkenstrasse nicht in der Lage, mir für mein Geld einen Mehrwert zu bieten. Man bildet sich so viel auf die vermeintlichen Experten in der Redaktion ein, die aber vielfach nichts weiter tun, als Geschriebenes anderer Medien zusammenzufassen. Beispielsweise hat hat Stefan Betschon vergangene Woche berichtet, dass die NSA auch Tor-Nutzer ins Visier nimmt und mittels Xkeyscore Unbescholtene ausspioniert. So weit, so interessant. Leider beruht der Artikel auf Recherchen des ARD-Magazins Panorama und der Washington Post, die bereits ein paar Tage vorher publiziert wurden. Eigene Recherche? Auch in diesem Fall Fehlanzeige. Aber dafür ist ein Gadget-Ressort wie Digital ohnehin nicht bekannt. Entscheidend für den Erfolg beim Leser ist aber nicht nur, welche Stories man hat, sondern auch, welche man nicht macht. Beispielsweise hätte doch der einzige hauptamtliche Medienjournalist der Schweiz, Rainer Stadler, verkünden müssen, dass Tamedia die Online-Nachrichtenredaktion von 20 Minuten und Newsnet zusammenlegt. Was für ein Tabubruch? Stattdessen las man dies persönlich.com. Und was hat die NZZ eigentlich Eigenes zur Syrerin gebracht, die bei der Einreise vielleicht aufgrund des Versagens der Grenzwache ihr Kind verlor? Daher nur eine Frage an Chefredaktor Markus Spillmann: Wie wollen Sie so noch fünf Jahre überleben?